Raus aus der Komfortzone
Aufgenommen: Europäischer Hof Heidelberg, Heidelberg
Germany38 Min Das Video kommt von YouTube und lädt erst, wenn du auf Abspielen klickst.
„Wir betreiben quasi Gewinnminimierung durch Investitionsmaximierung.“
Dr. Caroline von Kretschmann, 17:14
Dr. Caroline von Kretschmann führt den Europäischen Hof in Heidelberg in vierter Generation. Sie erzählt, warum sie und ihre Partnerin die Nachfolge zuerst abgelehnt haben, wie sich ein Fünf-Sterne-Haus in einer Stadt mit 160.000 Einwohnern ohne ICE-Anschluss hält und warum jeder Euro zurück in den Betrieb geht. Dazu der Ansatz der dienenden Führung: an erster Stelle der Mitarbeiter, an zweiter der Gast, an dritter das Unternehmen.
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Kernaussagen
- Mitarbeiter an erster Stelle: Von Kretschmann nennt den Ansatz der dienenden Führung: Die Inhaber sind für die Mitarbeitenden da, nicht umgekehrt. In der Pandemie entschied das Haus, keinen der 150 Kolleginnen und Kollegen und keinen der 35 Auszubildenden zu entlassen, notfalls über privaten Kredit für die Gehälter.
- Jeder Euro in den Betrieb: Es gab nie eine Ausschüttung, jeder Euro wurde wieder investiert. Deshalb schieden frühere Gesellschafter aus, in der vierten Generation sind es nur noch vier, und das Haus betreibt nach ihren Worten Gewinnminimierung durch Investitionsmaximierung.
- Luxushotel ohne Großstadt: Heidelberg hat 160.000 Einwohner und 40.000 Studenten, keinen ICE-Anschluss und nicht die großen Brands, nach denen Hotelkonzerne ihre Standorte wählen. Das Haus trägt sich über internationale Gäste, vor der Pandemie 75 Prozent aus dem Ausland, und über Gesundheitstourismus rund um die Heidelberger Kliniken.
- Nachfolge mit zehn Prozent: Als die Eltern fragten, sagten von Kretschmann und ihre Partnerin ab, weil sie in Berlin verwurzelt waren. Nach einem Jahr schaute sie sich das Haus doch an und kündigte eine Wahrscheinlichkeit von zehn Prozent an, daraus wurden 99.
- Vision aus einer Frage: 2012 fragte eine Kollegin im Abteilungsleiter-Meeting, wo das Haus 2025 stehen soll. Daraus entstand der Visionsprozess mit dem Ziel, das herzlichste Fünf-Sterne-Hotel Deutschlands zu sein, und die Definition von Luxus als Zeit und Aufmerksamkeit für jeden, der hereinkommt.
Shownotes zur Episodeaus dem Podcast-Feed
Auf der Suche nach dem herzlichsten Luxushotel führt mein Weg in den Südwesten Deutschlands. Denn wenn an einem Ort verschwenderisch mit Zeit und Aufmerksamkeit umgegangen wird, dann im Europäischen Hof Heidelberg.
Was wäre aber aus dem 155 Jahre alten Haus geworden, hätte Dr. Caroline von Kretschmann damals einfach dankend abgelehnt? Die Familie wäre wohl um ein "Familienmitglied" ärmer.
Dabei werden die zu meisternden Schwierigkeiten auch heutzutage nicht weniger. Unternehmerische Resilienz und die von Immanuel Kant postulierte Pflicht zur Zuversicht sind dabei ein über vier Generationen erprobtes Gegenmittel.
Aber damit nicht genug, schließlich haben sich nicht nur die laut Papier vier Gesellschafter des „Europ“ einem höheren Sinn verschrieben. Gestützt auf einen Ansatz der dienenden Führung, sehen sich gar alle Mitarbeitenden an erster Stelle gesetzt. Das Resultat: eine innere Haltung eines jeden, wie es sich viele Unternehmen nur wünschen.
Die eigene Komfortzone zu verlassen und das gute Leben in Berlin einzutauschen war eine tapfere Entscheidung. Heute profitieren definitiv nicht nur Gäste und Mitarbeitenden davon. Der Europäische Hof Heidelberg ist schlichtweg zum lebendigen Beispiel dafür geworden, dass ein Unternehmen ganz allein zum Vorbild für das Zusammenleben in unserer Gesellschaft werden kann.
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Transkript öffnenTranskript schließen38 Min · Ronald M. Arndt und Dr. Caroline von Kretschmann
Automatisch transkribiert mit AssemblyAI, Sprecher automatisch zugeordnet. Nicht redigiert.
- 00:06 Ronald M. Arndt
Ich glaube, es haben selten oder wenige Hoteliers und Hotelières so oft ein Mikrofon in der Hand wie Frau Dr. Caroline von Kretschmann, oder?
- 00:17 Dr. Caroline von Kretschmann
Es war während der Pandemie tatsächlich so, dass ich öfters mal eins in der Hand hatte, aber ich hatte vor jedem Mal unglaublich Respekt, weil es tatsächlich was anderes ist, ob man mit jemandem einfach im Zwei-Augen-Gespräch oder auch im Meeting mit mehreren zusammen ist oder vor einer Kamera. Das macht einen Riesenunterschied.
- 00:35 Ronald M. Arndt
Und ist es immer noch so, oder haben Sie sich da persönlich noch mal weiterentwickelt?
- 00:38 Dr. Caroline von Kretschmann
Nein, es ist immer noch so. Ich finde es immer noch anspruchsvoll, insbesondere wenn man dann in Livesendungen reinkommt, weil man kann ja auch maßlos scheitern und auf dem Schlauch stehen und plötzlich nicht mehr wissen, was man eigentlich sagen will, oder was Falsches sagen. Und aber es war eine unglaubliche Erfahrung, und es war wirklich etwas, wie das immer so schön heißt in der Coaching-Sprache, aus der eigenen Komfortzone.
- 01:02 Ronald M. Arndt
Und Herausforderungen bringen einen doch immer weiter.
- 01:04 Dr. Caroline von Kretschmann
Ja, absolut.
- 01:05 Ronald M. Arndt
Thema Komfortzone verlassen ist so ein bisschen mein persönliches Steckenpferd, wo ich immer wieder sagen muss und das auch meinen Söhnen irgendwann mal versuche weiterzugeben, dass mich das schon mehr als 4 oder 5 Mal im Leben einen entscheidenden Schritt weitergebracht hat.
- 01:20 Dr. Caroline von Kretschmann
Absolut. Also es ist die einzige Möglichkeit, um wirklich zu wachsen, wenn man eben aus dem angestammten und bekannten und auch vielleicht nicht so herausfordernden Umfeld mal rausgeht. Was magt?
- 01:34 Ronald M. Arndt
Jetzt sind Sie vielleicht noch ein bisschen aufgeregt beim Hotel-Podcast. Ich bin richtig aufgeregt, denn das erwähne ich auch immer wieder. Mein Traum, und als Kind war es definitiv so, bin ich einfach in jedes schöne Hotel reingelaufen. Die Eltern mussten sich draußen irgendwo hinterm Baum verstecken. Ich bin in die Lobby zur Rezeption geschlichen, habe gerade so die Hand oben irgendwie hinbekommen und nach einem Prospekt gefragt. Ja, früher hat es halt noch mehr Broschüren gab vom Hotel. Und heute darf ich hier mit Ihnen zusammen vorm offenen Kamin sitzen im Europäischen Hof in Heidelberg.
- 02:10 Dr. Caroline von Kretschmann
Das ist herrlich. Also sind Sie Ihrer Leidenschaft gefolgt. Toll.
- 02:14 Ronald M. Arndt
Bin ich gefolgt.
- 02:15 Dr. Caroline von Kretschmann
Haben Sie auch in der Familie jemanden gehabt, der schon in der Hotellerie und Gastronomie war, dass Sie da so eine Leidenschaft für entwickelt haben?
- 02:21 Ronald M. Arndt
War nicht. Ich weiß gerade gar nicht so recht warum. Meine Schwester, die ist 2 Jahre jünger, die hat dann auch Hotelfach gelernt und abgeschlossen. Heute ist er allerdings nicht mehr in dem Bereich tätig, weil es da, und da kennen Sie ja zur Genüge Beispiele, drunter und drüber ging in ihrem privat geführten Hotel damals, im bayerischen. Ansonsten, ja, würde ich auch sagen, dass meine Familie jetzt nicht die gastgeberischste Familie immer war. Also wo das am Ende so richtig herkam, weiß ich gar nicht.
- 02:51 Dr. Caroline von Kretschmann
Aber wie schön, dass Sie der Leidenschaft gefolgt sind, dass wir jetzt hier sitzen.
- 02:55 Ronald M. Arndt
Aber was hat denn Sie in eine Bank damals getrieben?
- 03:00 Dr. Caroline von Kretschmann
Oh, das ist auch eine gute Frage. Also der Grund war, dass wir, mein Bruder, ich habe noch einen älteren Bruder, nicht in die Hotellerie gegangen sind, war, dass wir hier ein 5-Sterne-Hotel in einer Kleinstadt führen.
- 03:12 Ronald M. Arndt
Kleinstadt, ja?
- 03:13 Dr. Caroline von Kretschmann
Ja, 160.000 Einwohner, 40.000 Studenten.
- 03:17 Ronald M. Arndt
Aber weltbekannt.
- 03:18 Dr. Caroline von Kretschmann
Wegen des Heidelberger Schlosses, ja. Aber für Hotelkonzerne nicht so attraktiv, weil die gehen normalerweise mit solchen Produkten in Städte über 300.000 Einwohner mit einem internationalen Flughafen. Wir haben ja in Heidelberg nicht mal einen ICE-Anschluss. Die gehen in Städte—
- 03:33 Ronald M. Arndt
Ich bin doch heute Morgen mit dem ICE gekommen.
- 03:35 Dr. Caroline von Kretschmann
Aber nicht wirklich, da müssen Sie ausnahmsweise mal hier gehalten haben, weil Sie halt normalerweise in Mannheim—
- 03:40 Ronald M. Arndt
Also ich glaube, es war leichter, mit dem ICE nach Heidelberg heute zu kommen als nach Zürich von Stuttgart aus.
- 03:45 Dr. Caroline von Kretschmann
Dann gehen die da in Städte, in denen es ein Kongresszentrum gibt. Das gab es bisher überhaupt nicht. Sie gehen in Städte, mit guten Einkaufsmöglichkeiten. Das haben wir, also gute Einkaufsmöglichkeiten heißt für ein Klientel für ein Luxushotel die großen Brands, haben wir in Heidelberg auch nicht. Und Kultur muss eigentlich da sein. Wir haben das Heidelberger Schloss und wir haben das Musikfestival Heidelberger Frühling, Enjoy Jazz, aber das ist eben was anderes. Und da zieht man normalerweise das Klientel nicht an, was in ein 5-Sterne-Haus geht. Und das heißt, meine Eltern wussten nicht, ob sie das Hotel halten können. Und dann haben sie—
- 04:19 Ronald M. Arndt
Eltern waren dann die in der dritten Generation? Die waren in der dritten Generation, die hatten von meiner Urgroßmutter das Haus übernommen.
- 04:24 Dr. Caroline von Kretschmann
Mein Urgroßvater war leider 1953 gestorben, bevor meine Urgroßmutter das Haus wiedererlangt hat von den Amerikanern. Das war im Krieg gefallen, soweit ich genau weiß. Also nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde es besetzt von den Amerikanern und mein Urgroßvater hat es nicht mehr zurückbekommen. Aber meine Urgroßmutter hat es dann geführt und an meine Eltern übergeben. Und meine Eltern haben dann eben meinem Bruder und mir gesagt, macht erst mal was Eigenes, weil wir wissen nicht, ob wir das Haus halten können. Und dann lag damals nahe eine Banklehre. Das, man hat damals in meinem, als ich Abitur gemacht habe, war Banklehre irgendwie attraktiv für viele oder Industriekaufmann, Industriekauffrau. Und mein Bruder und ich haben beide eine Banklehre gemacht. Hier in Heidelberg, ich in, beide in Frankfurt. Und ich fand es gut, vor dem Studium noch mal eine Lehre gemacht zu haben. Also ich habe anders studiert dadurch, weil man ein bisschen schon mal erfahren hat, wie ist es so.
- 05:20 Ronald M. Arndt
Auch schon ein bisschen Geld verdient hat.
- 05:21 Dr. Caroline von Kretschmann
Bisschen Geld verdient hat und mal erfahren hat, wie läuft es denn so in Betrieben. Und ich habe dann auch angeschlossen mit Betriebswirtschaftslehre und das hat ganz gut gepasst.
- 05:28 Ronald M. Arndt
Als Studium dann?
- 05:30 Dr. Caroline von Kretschmann
Als Studium dann, ja.
- 05:31 Ronald M. Arndt
Und dann aber auch noch längere Zeit in dem betriebswirtschaftlichen Umfeld geblieben?
- 05:36 Dr. Caroline von Kretschmann
Geblieben, ja. Also ich habe mich, man könnte es auch so sehen, dass ich mich nie wirklich festgelegt habe, nämlich ich habe nach dem Studium in der Unternehmensberatung angefangen und da ist man ja auch noch nicht festgelegt.
- 05:47 Ronald M. Arndt
Richtig.
- 05:48 Dr. Caroline von Kretschmann
Also arbeitet in unterschiedlichen Branchen mit unterschiedlichen Fragestellungen. Und es war eine spannende Zeit. Ich habe da unheimlich viel auch gelernt und habe mich ja dann auch noch mal da in dem Feld selbstständig gemacht.
- 06:02 Ronald M. Arndt
Und das sind Sie, glaube ich, nach wie vor auch?
- 06:06 Dr. Caroline von Kretschmann
Ja, ja, genau. Also bevor ich hierhin— also ich habe dann eine eigene Beratung auch gehabt, mit einer Kollegin damals gegründet, und wir hatten beide Projekte, damals in Berlin in kommunalen Feldern. Also meine Kollegin, die übrigens promovierte Molekularbiologin ist, hatte ein Projekt bei den Berliner Straßenreinigungsbetrieben und ich hatte ein Projekt bei den Berliner Verkehrsbetrieben, also öffentlicher Personennahverkehr. Und dann haben wir gesagt, nach 4 Jahren, als unsere alte Firma verkauft wurde an ein französisches Unternehmen, und dann an Gemini verkauft wurde, haben wir gesagt, wir machen uns selbstständig. Haben eine kleine Firma gegründet, zu zweit mit einer Kollegin noch aus der alten Firma, die im Sekretariat war, und haben uns spezialisiert auf die Bereiche kommunale Daseinsvorsorge, also Strom, Gas, Wasser, Abfallwirtschaft, Straßenreinigung. Also ein ganz untypisches Feld, in dem keiner von uns irgendwie studiert hatte und so, aber wir haben gedacht, wenn wir in dem Beratersegment, in dem wir waren, das waren wirklich Strategieorganisationsberater mit relativ guten Tagessätzen schon, müssen wir uns eben fokussieren. Und das haben wir dann insgesamt dann noch mal 10 Jahre gemacht, bevor meine Eltern dann auch fragten, meine Lebenspartnerin und mich, wollt ihr dann jetzt nicht doch noch mal hier vielleicht rein?
- 07:25 Ronald M. Arndt
War das dann mal bei einem Mittagessen? Kam das per Brief damals?
- 07:29 Dr. Caroline von Kretschmann
Ja, das war mal bei so Mittagessen und so. Ja, genau. Also es war nicht so formal.
- 07:33 Ronald M. Arndt
Hat sich das angewarnt?
- 07:34 Dr. Caroline von Kretschmann
Ja, ich habe ab einem gewissen Alter, ich meine, bei uns sind späte Nachfolgen offensichtlich in der Familiengeschichte drin, weil meine Urgroßmutter hat an meine Eltern übergeben, da war sie 73. Also, und mein Vater war damals 65, als die Frage aufkam. Und meine Partnerin und ich, wir haben uns das dann wirklich gut überlegt und haben dann aber auch nein gesagt, weil wir sehr verwurzelt waren in Berlin. Beide in unseren jeweiligen Feldern. Meine Partnerin ist systemische Beraterin, Coach und war da schon ganz lange erfahrene Coach und ich eben in der Beratung. Und zugleich hatte ich auch, muss ich sagen, Respekt vor der Aufgabe, weil so ein Unternehmen in der vierten Generation, wenn man das sozusagen flapsig vor die Wand fährt, das lässt einen dann nicht mehr los, glaube ich. Und davor hatte ich auch Respekt. Und dann haben wir dankend auch, aber sehr wertschätzend auch Nein gesagt, weil es ja auch eine große Ehre ist, so ein Angebot zu bekommen. Und meine Eltern haben wirklich toll reagiert, haben gesagt, Hauptsache, ihr seid glücklich, wir werden eine andere Lösung finden. Und dann habe ich aber nach einem Jahr gemerkt, okay, ich muss es mir doch mal anschauen, weil es ist unglaublich, welch ein Sog Familienunternehmen für die Nachfolge auslösen. Und das hat's auch für mich getan. Und ich hatte eine, also Anziehungskraft meinen Sie, oder Faszination? Faszination und auch Verantwortung, Verpflichtung würde ich Verpflichtung, ja. Also gar nicht meinen Eltern gegenüber, weil da habe ich wirklich gespürt, die lassen mich frei und da muss ich nicht. Aber dieses Haus, das für mich ist wie mein Urgroßvater, ist ein Familienmitglied gefühlt. Da hatte ich gedacht, ich muss es zumindest mal angeguckt haben. Ich darf nicht, ohne es probiert zu haben, einfach vorbeigehen. Und dann bin ich zu meinen Eltern, habe gesagt, ich schaue es mir doch mal an. Und Die Wahrscheinlichkeit, dass ich es mache, ist 10%. Und dann haben die gesagt, 10% ist besser als nichts, komm mal vorbei. Und aus diesen 10% ist jetzt eine, eine 99%. Ich lasse mir immer noch 1% offen, weil das ist so der Freiheitsgedanke, den man noch haben will. Aber ich habe mich sofort in dieses Haus verliebt, sofort auch in das Team und auch in die Branche. Also ich finde die Branche auch faszinierend und Ich liebe das, was ich tue hier, und es macht einfach große Freude.
- 09:55 Ronald M. Arndt
Sie sagen, Sie haben sich das Haus mal angeschaut. Das klingt so, als wenn Sie lange Zeit dann gar nicht da gewesen sind.
- 10:00 Dr. Caroline von Kretschmann
Ja, ich bin natürlich mit diesem Haus auch aufgewachsen.
- 10:04 Ronald M. Arndt
Wir haben hier gespielt und gelebt.
- 10:06 Dr. Caroline von Kretschmann
Ja, gelebt nicht, also weil meine Eltern großen Wert darauf gelegt haben, dass wir als Kinder nicht im Europäischen Hof groß werden, weil die gesagt haben, die Luxushotellerie ist nicht das normale Leben, und das ist es auch nicht. Und deswegen haben wir nie hier gelebt als Kinder. Wir sind einmal in der Woche hierher gekommen oder wenn immer große Veranstaltungen waren. Hier gab es Faschingsfeste und da waren wir natürlich da. Aber es gibt ja eine eigene Theorie für Familienunternehmen und es ist schon beachtlich, wie so ein Familienbetrieb überall immer mit dabei ist. Der sitzt an jedem Frühstückstisch, der ist an jedem Abendessenstisch, der ist in jeden Ferien mit dabei.
- 10:43 Ronald M. Arndt
Habt ihr einen Spitznamen für den Europäischen Hof?
- 10:45 Dr. Caroline von Kretschmann
Ja, das ist der Eurob.
- 10:46 Ronald M. Arndt
Der Eurob, okay. Der oder die? Der.
- 10:51 Dr. Caroline von Kretschmann
Der Eurob. Und deswegen kriegt man unheimlich viel mit, auch als Kind schon, in Bezug auf Unternehmensführung, in Bezug auf auch leidenschaftliche Disziplin, ein Werk eben auch weiterzuführen und zu entwickeln, aber auch in Bezug auf Verantwortung. Menschen zu führen, für die Verantwortung zu übernehmen, aber auch, und das hat uns jetzt in der Pandemie geholfen, was es bedeutet, durch Krisen durchzugehen. Also wir haben hier im Europäischen Hof, uns gibt es schon seit über 155 Jahren, unfassbare Krisen erlebt. Also meine Urgroßeltern den Zweiten Weltkrieg, meine Eltern haben die Golfkrisen miterlebt, 9/11, die Finanzkrise, Platzen der Dotcom-Blase, und jedes Mal rauscht es ja in einem 5-Sterne-Haus sofort nach unten in der Auslastung. Und dadurch hat sich eine gewisse unternehmerische Resilienz auch bei uns in der Familie, glaube ich, entwickelt, dass man weiß, Krisen passieren immer wieder. Und wenn wir das verantwortungsvoll steuern und kreativ auch sind in der Krise und auch auf die Dinge schauen, die diese Krise uns auch bringt, also in Richtung Transformationsmöglichkeiten, dann kann man da auch durchkommen.
- 12:11 Ronald M. Arndt
Erfordert natürlich einen sehr bewussten Umgang mit jeder Krise und nicht nur bewusster Umgang der Inhaber, sondern der ganzen Mannschaft, des Teams.
- 12:20 Dr. Caroline von Kretschmann
Absolut. Auch jede Krise kann man nur mit dem gesamten Team überstehen. Zugleich hat man insbesondere in der Krise als Führungskraft noch mehr eine Verantwortung, Sicherheit auszustrahlen. Psychologische Sicherheit ist extrem wichtig in solchen Phasen. Und es gibt ja von Kant den Spruch auch: Es gibt eine gewisse Pflicht zur Zuversicht. Die muss man ausstrahlen, ohne dass es aufgesetzt ist. Also man muss sie schon innerlich auch spüren in der Haltung.
- 12:46 Ronald M. Arndt
Und man kann sich dann auch nicht verstellen.
- 12:47 Dr. Caroline von Kretschmann
Man kann sich überhaupt nicht verstellen. Das heißt auch nicht, dass man auch Ängste artikulieren kann, wenn man die hat, oder Befürchtungen. Aber wir haben immer versucht, dann uns nicht in so eine Opferhaltung reinzubegeben, weil dann kommen sie in eine Machtlosigkeit und das ist immer schwierig, sondern wirklich zu gucken, was können wir in dieser Situation tun, in eine Urheberhaltung zu gehen und zu schauen, was können wir gemeinsam mit unserem Team machen, um da durchzukommen.
- 13:14 Ronald M. Arndt
Ich bin heute schon am Vormittag angereist mit meinem Sohn. Ja, mit nicht mal 4 hat er jetzt schon die Möglichkeit, mit dem Papa in so Häuser reinzukommen. Ja, da hat er mir ein bisschen was voraus. Mal schauen, wo es endet. Vielleicht bei Hotel-Podcast-Folge Nummer 5000 irgendwann.
- 13:32 Dr. Caroline von Kretschmann
Ja, super.
- 13:32 Ronald M. Arndt
Und er sitzt wieder hier.
- 13:33 Dr. Caroline von Kretschmann
Nächste Generation.
- 13:35 Ronald M. Arndt
5. Generation. Ganz genau. Wir waren auf dem Schloss schon heute Morgen, sind mit der Bergbahn hochgefahren. Und Sie sagen nicht, oder am Ende haben Sie doch das internationale Klientel, was auch hierher kommt.
- 13:51 Dr. Caroline von Kretschmann
Ja, ja, aber das internationale Klientel, was sich auch mal das Schloss angucken will, das landet meistens in Frankfurt, guckt sich einmal das Schloss an und fährt dann weiter nach München oder eben Vielleicht auch einmal kurz rum und dann wieder nach Hause.
- 14:06 Ronald M. Arndt
Mit etwas Glück wird auch in Heidelberg übernachtet.
- 14:09 Dr. Caroline von Kretschmann
Ja, also wir haben natürlich auch einzelne Gäste, die hier einfach auch, insbesondere Amerikaner, die nach Deutschland kommen. Heidelberg ist für die Amerikaner sehr, sehr wichtig, weil hier das Headquarter war. Die haben hier Familien auch und wollen das noch mal erleben. Richtig. Wir haben ein sehr internationales Publikum. 75% unserer Gäste waren vor der Pandemie Gäste aus dem Ausland. Heidelberg hat interessanterweise 75% deutsche Gäste. Also wir haben ein ganz anderes Verhältnis. Während der Pandemie hatten wir, aber das liegt natürlich auch daran, dass in Deutschland gereist wurde, 75% deutsche Gäste. Jetzt pendelt es sich mittlerweile wieder ein. Also die internationalen Gäste sind wieder da. Und was uns immer getragen hat, ist der Gesundheitstourismus. Also diese Gäste kommen eben auch in ein Haus wie unseres. Die kommen aus den Ländern, in denen die Gesundheitsinfrastruktur nicht so gut ist. Aber wo das Einkommen relativ hoch ist, sprich die Golfstaaten z.B., ehemals kamen auch viele aus Russland, oder aber auch aus der ganzen Welt, und die kommen hierher, weil die Heidelberger Kliniken so einen guten Ruf haben. Also wenn sie bestimmte Krankheiten haben, so schlimme Krankheiten wie Bauchspeicheldrüsenkrebs, oder egal welche Krebsform, auch weil das Deutsche Krebsforschungszentrum hier ist, dann kommen die hierher, weil wirkliche Koryphäen hier an den Unikliniken arbeiten und dann bleiben die eben auch länger.
- 15:37 Ronald M. Arndt
Das heißt, am Ende kann sich auch ein Luxushotel Ihrer Art in Heidelberg halten?
- 15:44 Dr. Caroline von Kretschmann
Ja, wir kämpfen, dass wir uns halten können und das eben schon seit Generationen. Wir tun alles, dass wir möglichst lange im Spiel bleiben und das eben auch weitertragen. Wir schaffen es mit relativ geringer Auslastung für die Branche, ganz okay Preise im einem Setting wie in einer, in Anführungszeichen, Kleinstadt wie Heidelberg zu überleben. Meine Eltern haben sehr klug auch diversifiziert in ihrer Zeit wegen dieser Krisen, haben also noch mal investiert in einen Gewerbebereich mit Mieteinheiten. Und diese ganzen Investitionen, muss ich immer dazu sagen, immer mit Fremdkapital. Also wir haben ja als eines der wenigen privat geführten Häuser keinen kapitalstarken Investor-Hintergrund. Das heißt, wir müssen zwingend eine schwarze Null machen, sonst sind wir vom Markt verschwunden. Und dieses zweite Standbein hat uns geholfen, jetzt auch in der Pandemie zumindest ein bisschen Einnahmen noch zu haben. Und das funktioniert so, dass wir überleben können. Und ich sage aber auch immer, wir machen es nicht aus einem ökonomischen Treiber. Also wenn wir wirklich als Familie sagen würden oder als Gesellschafter, Und es sind wir 4, was auch übrigens auch untypisch ist, in der 4. Generation nur 4 Gesellschafter zu haben aus einem Familienstamm. Das liegt daran, dass alle davor ausgeschieden sind, weil es nie eine Ausschüttung gab. Also es hat keinem der Väter—
- 17:12 Ronald M. Arndt
Wie hat man das geschafft, nie auszuschütten?
- 17:14 Dr. Caroline von Kretschmann
Weil jeder Euro wieder, jeder Euro wurde wieder in den Betrieb investiert. Und das, mein Vater hat es hervorragend gehandelt, dass es tatsächlich so war. Und dann haben die bestehenden Gesellschafter eben irgendwann gesagt, oh nee, lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach, und dann lassen wir uns eben auszahlen. Die Auszahlung erfolgte dann eben auch wieder zum Teil mit Kreditaufnahme, aber es ist eben wirklich ein ökonomisch herausfordernder, ein ökonomisch herausforderndes Feld, und wir investieren jeden Euro wieder in den Betrieb. Und ich komme noch mal zu Ihrer Frage: Wenn wir wirklich ökonomisch denken würden, würden wir das Haus umnutzen. Dann würden wir kein 5-Sterne-Hotel hier draus machen bzw. es behalten, sondern würden sagen, wir bauen es um in Mieteinheiten. Heidelberg ist eine unglaublich beliebte Stadt. Es fehlt bezahlbarer Wohnraum. Und wenn wir da Europa-Residenzen, genau, Residenzen, Mieteinheiten draus machen würden, dann würden wir endlich mal richtig Geld verdienen und wir würden eben viel weniger arbeiten müssen, aber das wollen wir nicht. Wir haben hier einen höheren Sinn, den wir mit diesem Haus verfolgen. Ich sage immer, unsere Mission ist ja, einen Ort zu schaffen, an dem Menschen glückliche Momente haben, und das treibt uns und dieser Sinn erfüllt uns so stark, dass wir sagen, es geht uns eben nicht um die Ökonomie. Und zugleich muss man sagen, wir müssen natürlich ökonomisch handeln auch. Wir müssen schauen, dass wir mehr Umsatz machen als Kosten, Aber wir betreiben quasi Gewinnminimierung durch Investitionsmaximierung. Wenn wir super Jahre haben, ist es uns eben nicht so wichtig, dass wir am Ende einen tollen Gewinn haben, sondern es wird genauso viel investiert, dass der Gewinn irgendwie dann möglichst gering ist, aber dafür wieder 10 neue Bäder gemacht werden konnten und so was. Also das sind wie so kommunizierende Röhren. Und zugleich, und das ist uns eben auch ganz wichtig, wir würden keine ökonomische Entscheidung treffen, die zu Lasten unserer Mitarbeitenden geht. Deswegen haben wir fast nichts outgesourct. Wir haben auch in der Pandemie sofort, apropos psychologische Sicherheit, gesagt, wir werden keinen der 150 Kolleginnen und Kollegen entlassen. Wir haben ja auch noch 35 Auszubildende, und wir würden eher noch privaten Kredit aufnehmen, damit wir die Gehälter weiter bezahlen können. Und das hat natürlich Ruhe reingebracht. Und jetzt sind wir dankbar über jeden. Es ist ein einziger gegangen, der gehen musste, weil er eine große Familie hat in Polen und da hat das Kurzarbeitergeld nicht gereicht. Aber sonst sind alle geblieben und jetzt immer auch noch da. Und das ist einfach toll für uns, weil dieses Team ist für uns alles. Sie sind erweiterter Teil der Familie und es ist nicht umsonst, dass wir sagen, an erster Stelle steht der Mitarbeiter, an zweiter der Gast, an dritter das Unternehmen.
- 20:04 Ronald M. Arndt
Und die Geschichte ist wieder um ein Kapitel und um eine Krise weitergeschrieben.
- 20:09 Dr. Caroline von Kretschmann
Um eine Krise weitergeschrieben und wir hatten eigentlich gedacht, wir könnten jetzt ein bisschen durchatmen und jetzt kommt eben diese unglaublich anstrengende und kräftezehrende Gleichzeitigkeit von nochmal neuen Krisen. Also Fachkräftemangel war ja nicht überraschend, dass es jetzt kam, aber der Ukrainekrieg ist unglaublich. Das hatte ja keiner vermutet. Jetzt die Energiekrise, die Inflation, alles was dazu kommt. Also es ist herausfordernd.
- 20:38 Ronald M. Arndt
An der Stelle möchte ich einen lieben Gruß ausrichten vom Professor Dr. Christian Buhr, vom Christian aus Heilbronn. Weil wir es gerade jetzt von Krisen haben und er richtet ja wieder sein Heilbronn Hospitality Symposium aus im November, was dann unter anderem auch den Titel oder im Titel trägt Postkrisen. Aber beim Postkrisen, bei Postkrisen sind wir noch gar nicht angekommen. Noch so ein längerer Titel. Wo ich auch gesagt habe, Christian, das kann auch nur einem Professor einfallen, so ein Titel.
- 21:08 Dr. Caroline von Kretschmann
Post—
- 21:09 Ronald M. Arndt
wie ist doch der Post— nee, jetzt ist mir entfallen, aber ein ganz langer Titel auf jeden Fall. Post-Multikrisen oder so was.
- 21:17 Dr. Caroline von Kretschmann
Post-Multikrisen, Post-Multi-Gleichzeitigkeitskrisen-Strategien entwickeln, Entwicklungskonzept.
- 21:22 Ronald M. Arndt
Genau, und noch ein Spiegelstrich und noch ein Spiegelstrich.
- 21:24 Dr. Caroline von Kretschmann
Nein, nein, es ist wirklich ein unglaubliches Umfeld, in dem wir aktuell unternehmerisch agieren müssen. Und ich glaube auch nicht, dass sich das auf Dauer so grundsätzlich ändern wird, leider. Also wir kommen einfach in ein ganz anderes Zeitalter rein. Und das haben Sie uns ja schon bei der Pandemie gesagt, dass wir in ein Zeitalter der Pandemien reinlaufen. Und jetzt laufen wir in ein Zeitalter der Energiekrisen rein, der geopolitischen Krisen. Es sind große Herausforderungen, die nicht nur die Wirtschaft betreffen, sondern natürlich auch die Politik, alle Institutionen der Gesellschaft. Dann haben wir die Klimakrise natürlich noch, die kommt ja on top noch dazu. Also es wird viel von vielen abverlangt und man würde sich an der einen oder anderen Stelle wünschen, dass man Akteure hat, die einem psychologische Sicherheit geben können, dass sie die Krisen auch händeln. Und das ist manchmal eben leider nicht der Fall.
- 22:20 Ronald M. Arndt
Wer gibt Ihnen Rückhalt? Ist es Ihre Lebensgefährtin oder sind es sogar die Eltern?
- 22:23 Dr. Caroline von Kretschmann
Absolut. Also meine Lebensgefährtin natürlich, das ist natürlich ganz, ganz entscheidend, aber auch meine Eltern, unser Team und dieser Zusammenhalt.
- 22:34 Ronald M. Arndt
Nicht zuletzt das Team, das ja auch krisenerprobt mehr und mehr ist und da, wie Sie ja schon sagten, einfach auch mit involviert werden muss, um dann eben für die Zukunft noch besser aufgestellt zu sein.
- 22:45 Dr. Caroline von Kretschmann
Absolut. Also ohne dieses Team würde hier eben gar nichts gehen. Und hier ist jeder Einzelne wichtig für den Gesamterfolg. Und das müssen wir eben in der Führung auch immer wieder wertschätzen. Und das tun wir auch, und zwar mit Freude und von ganzem Herzen. Und wir haben eben den Ansatz der dienenden Führung, dass wir die tiefe Überzeugung haben, dass wir für unsere Mitarbeitenden da sind und nicht die Mitarbeitenden für uns. Und wenn man das mit großer Leidenschaft lebt, und das haben meine Eltern auch schon gelebt und auch meine Urgroßeltern hatten schon eine sehr werteorientierte Führung, dann macht es große Freude.
- 23:24 Ronald M. Arndt
Die sich aber doch über die Generationen weiterentwickelt. Ja. Weil wir können nicht sagen, früher war schon alles sehr gut und da kommen wir nie wieder dran und jetzt kämpfen wir nur gegen Krisen, sondern Sie entwickeln und haben auch entwickelt über die verschiedenen Generationen das Thema Leadership, haben Sie weiterentwickelt.
- 23:39 Dr. Caroline von Kretschmann
Ja, also es hat sich weiterentwickelt und Führungsstile und Unternehmenskulturen entwickeln sich immer vor dem Hintergrund bestimmter gesellschaftlicher Kontexte. Und deswegen ist es auch nicht schlimm, wenn früher etwas patriarchalischer geführt wurde, sage ich mal, bei meinen Urgroßeltern persönlich, aber durchaus patriarchalischer, wie man heute wahrscheinlich gar nicht mehr führen würde. Aber das ist nicht besser oder schlechter, sondern es war eben damals richtig, so zu führen und offensichtlich angebracht. Und wir müssen immer unsere Unternehmenskultur auch weiterentwickeln und Wobei wir bestimmte Grundwerte haben, die sich durchziehen. Und deswegen nennen wir unsere Führung auch werteorientierte, empathische Führung. Und wir glauben, dass es schon in unserer DNA drin ist, so zu führen. Und deswegen ist es so toll, dass dieser Ansatz jetzt so relevant wird. Und nichts ist so kraftvoll wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist. Und diese Art der Führung ist offensichtlich im Moment gerade die, die erfolgsversprechend ist.
- 24:41 Ronald M. Arndt
Ja, der Europ, Ihr Familienmitglied, ja, der sitzt da jeden Tag mit am Tisch.
- 24:46 Dr. Caroline von Kretschmann
Mhm.
- 24:47 Ronald M. Arndt
Aber Sie haben schon eine übergeordnete Faszination für die Luxushotellerie auch, oder?
- 24:52 Dr. Caroline von Kretschmann
Mhm.
- 24:52 Ronald M. Arndt
Ja, es ist, also für mich war es immer so, ich habe Hotels immer so gesehen, Ihrer Klasse natürlich, Hotels Ihrer Klasse als Orte der Begegnung, ne, dass ich einfach, klar, man hat da eine relativ homogene Klientel, aber trotzdem unterschiedliche Kulturen, Hintergründe.
- 25:07 Dr. Caroline von Kretschmann
Ja, und es verändert sich auch, die Homogenität verändert sich auch in der Luxushotellerie interessanterweise. Nicht nur, dass sie unterschiedliche Kulturen haben, sondern auch ganz unterschiedliche Typen von Menschen. Also wir haben eben auch ganz coole Biker, die hierher kommen und dann sich hier herrlich wohlfühlen.
- 25:26 Ronald M. Arndt
Die nehmen noch nicht die Bergbahn wahrscheinlich.
- 25:27 Dr. Caroline von Kretschmann
Ja, die nehmen nicht die Bergbahn, aber das Das ist sehr, sehr cool. Also es ist wirklich wie eine Art Melting Pot und dieser Treffpunkt, dieser Ort der Begegnung ist schon sehr, sehr besonders und den schätzen eben die Gäste auch. Und ich finde eben, ein Luxushotel hat— ich verstehe ja Luxus auch weniger als Protz, sondern eher, oder Selbstdarstellung, sondern eher der Aspekt der Selbsterfahrung und ein Luxushotel Luxus ist ja per se definiert als etwas, was eigentlich nicht notwendig ist. Es ist über das Notwendige hinaus. Und so ändert sich eben auch in einem Luxushotel im Moment gerade der Fokus weg von klassischem Konsum. Also ich sage immer die goldenen Wasserhähne, der Bentley vor der Tür, sondern hin zu Erlebnissen, besonderen Begegnungen und hin zu Sinnluxus eigentlich. Also es geht eben über den Besitzluxus zum Erlebnisluxus hin zum Sinnluxus. Und da müssen wir als Luxushotels eben mitwachsen und haben da auch eine ganz besondere Verantwortung. Und unsere Gäste wollen eben nicht mehr nur teure Dinge konsumieren oder erleben, sondern auch gute Dinge, die gut sind auch für die Gesellschaft, die der Natur nicht schaden und auch der Würde des Menschen nicht schaden. In dem Sinne müssen Luxushotels, so wie wir Familienbetriebe, enkelfähig agieren. Also sie müssen ganzheitlich alle Aspekte berücksichtigen. Und da könnte man fast sagen, da hat das Luxushotel eben auch eine sehr gute Zukunft in Bezug auf nachhaltiges Wirtschaften und dauerhaftes Wirtschaften.
- 27:04 Ronald M. Arndt
Also für mich ist in der Tat Luxus, jetzt hier mit Ihnen zu sitzen an einem ruhigen, warmen Ort, wo man einfach mal Zeit hat, wieder mit jemandem ein paar Minuten zu sprechen und sich auszutauschen. Das ist für mich Luxus. Und da sind wir wieder beim Ort der Begegnung, den in dieser Form eigentlich gerade nur Häuser wie das Ihre bieten können.
- 27:26 Dr. Caroline von Kretschmann
Absolut. Also Luxus ist eben auch, einen Raum zu haben, Ruhe zu haben. Luxus wird in Zukunft auch Gesundheit noch stärker sein. Und wir haben schon 2012, als wir unsere Vision formuliert haben, das herzlichste 5-Sterne-Starthotel Deutschlands werden zu wollen, weil das unser USP ist, unser Team.
- 27:45 Ronald M. Arndt
Warum 2012?
- 27:47 Dr. Caroline von Kretschmann
Weil mich da eine Kollegin fragte in einem Abteilungsleiter-Meeting, wen wollen wir eigentlich hier im Haus haben und wo wollen wir 2025 sein? Und ich hatte nicht spontan eine Antwort darauf. Und dann habe ich als ehemaliger Strategieberater natürlich oder Beraterin gedacht, Mensch, da hast du echt noch einen offenen Punkt. Und dann haben wir diesen Visions- und Strategieprozess angestoßen mit dem Bereichsleiter, mit der Abteilungsleiterin, mit meinen Eltern. Und da kam das ganz schnell raus, was uns ausmacht. Und da kam eben auch das Thema Luxus noch mal, wie interpretieren wir den? Und dann haben wir damals schon gesagt, wir interpretieren Luxus als Zeit und Aufmerksamkeit für die Gäste. Also wir sind verschwenderisch mit Zeit und Aufmerksamkeit für die Menschen. Und das egal, wer bei uns in den Betrieb reinkommt. Das muss eben nicht nur der Gast sein, das kann der Postbote sein, die Taxifahrerin, jeder, der sich hier reinverläuft. Und das ist das, was uns sehr wichtig ist, dass wir jeden gleich gut, jeden individuell, aber jeden gleich gut behandeln, der hier reinkommt. Und zwar aus tiefster Überzeugung. Das ist nicht angelernt, sondern es ist einfach die Haltung, dass jeder Mensch es verdient, mit dem gleichen Respekt und der gleichen Wertschätzung behandelt zu werden. Und das werden oder schildern uns dann auch viele Leibwächter zum Beispiel oder Zofen, die hier mit VIPs in Anführungszeichen oder Scheichs oder wem auch immer kommen, die sagen, wir reisen in der ganzen Welt in den teuersten Hotels, in 6-Sterne-Hotels in Dubai, New York, London, ich weiß nicht wo. Ihr hier im Europ, ihr seid die einzigen, die uns genauso behandeln wie unsere Chefs. Und das freut uns dann, das ist dann sozusagen, das berührt uns, wenn das so wahrgenommen wird.
- 29:31 Ronald M. Arndt
Dann haben Sie das schon vor 2025 weit, weit vorausgesehen.
- 29:35 Dr. Caroline von Kretschmann
Ja, obwohl, das würde ich mir nicht anmaßen, dass wir das sind. Also, aber als Zielstellung und diese Vision hat unheimlich viel dazu beigetragen, dass wir unsere gesamten Energien gebündelt haben und eben auf ein gemeinsames Ziel, auf eine Idee, man könnte auch sagen auf einen Traum ausgerichtet haben. Und dadurch hat sich irgendwas Besonderes entwickelt und das gepaart mit der Unternehmenskultur, die wie ein Kraftfeld wirkt, an das man sich anschließen kann als Gast. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, wenn Sie hier reinkommen, das ist irgendwie eine andere— also wir wissen um die Schwächen auch unseres Hauses, aber eins hat es, es hat eine Seele und das spüren die Gäste. Und da kann man sich dann eben andocken und fühlt sich irgendwie aufgehoben. Und umsorgt.
- 30:22 Ronald M. Arndt
Das kann ich nicht leugnen und will ich auch gar nicht leugnen, dass das heute Morgen der Fall war, als ich mit meinem Sohn hier reingekommen bin. Also dann habe ich ja die Dame am Empfang gesehen und das Lächeln und wusste natürlich, habe schon von gehört, das herzlichste Luxushotel Deutschlands, aber in dem Moment war das schon erfüllt.
- 30:43 Dr. Caroline von Kretschmann
Ja, und man lehnt sich da ja auch natürlich aus Also man setzt etwas in die Welt, ein Statement, und da ist natürlich auch die Gefahr da, dass jemand sagt, das stimmt aber gar nicht. Toi, toi, toi. Wenn man in die Bewertungsportale geht, ist also dem einen gefällt das nicht, dem anderen gefällt das nicht, vielen, vielen gefällt sehr viel. Aber was allen oder fast allen gefällt, ist wirklich die Betreuung durch unsere wunderbaren Kolleginnen und Kollegen.
- 31:11 Ronald M. Arndt
War der Impuls damals 2012 von der Mitarbeiterin War der Impuls ausschlaggebend, dass Sie sich da mehr Gedanken gemacht haben zur Vision? Oder ich denke mal auch, Sie haben da auch vielleicht angefangen, Ihre beiden Welten mal zusammenzuführen, die der Beraterin Caroline von Kretschmann und dem Luxushotel. Weil heute verstehe ich ja den Europ auch so ein bisschen, von außenstehend betrachtet, ein bisschen als Brutkasten Ihrer eigenen persönlichen Überzeugungen.
- 31:38 Dr. Caroline von Kretschmann
Absolut. Absolut. Also es war ein ganz wichtiger Impuls.
- 31:41 Ronald M. Arndt
Als Transmitter nach draußen.
- 31:43 Dr. Caroline von Kretschmann
Ja, also wie ein Medium, was unsere Unternehmensphilosophie eben nicht nur hier im Unternehmen verankert, dass wir innerlich an unserer Haltung arbeiten und an unserem Verhalten auch, sondern dass wir es auch nutzen tatsächlich, um diese sehr menschenfreundliche und zugewandte Haltung in die Welt zu tragen. Und wenn wir da auf positive Weise infizieren können, wäre das wunderbar. Und ja, es war ein Anstoß dieser Kollegin und für den bin ich eben unglaublich dankbar. Und das ist ja auch Teil unserer Unternehmensphilosophie, dass wir kritisches Feedback als Geschenk betrachten. Also dass man daraus lernt. Also wenn die das nicht gefragt hätte, wer weiß, ob ich mich dann hingesetzt hätte und mir die Mühe gemacht hätte, das alles zu formalisieren. Und auf die wenn man es so sieht, war es wirklich der Startschuss in Richtung von etwas viel Größerem, was dadurch entstanden ist. Und das ist eben ganz, ganz wichtig, dass man da auch immer weiter an sich arbeitet. Haben meine Eltern auch immer gemacht. Also es ist ja nicht so, dass man einmal irgendwas hingestellt hat und dann bleibt es so, sondern wir müssen uns ja jeden Tag wieder hinterfragen und immer wieder gucken, ist es jetzt noch aktuell, Was müssen wir da machen? Und meine armen Eltern, die machen das seit 57 Jahren. Die haben, glaube ich, die 120 Zimmer schon 4-mal renoviert, von Grund auf. Und was das bedeutet an Kraft und Energie auch, da habe ich schon großen Respekt davor.
- 33:11 Ronald M. Arndt
Ein richtiger Sisyphos-Projekt.
- 33:13 Dr. Caroline von Kretschmann
Ja, aber man muss sich Sisyphos ja als glücklichen Menschen vorstellen.
- 33:17 Ronald M. Arndt
Habe ich mal gelesen. Nun haben Sie schon viel umgesetzt, Realität werden lassen. Es wird gelebt, auch viel niedergeschrieben, was ich schön finde, weil es immer noch die Form, sage ich mal, die am längsten währt. Was ist denn so die nächste große Herausforderung, wo Sie sagen, das möchte ich mit meinem Medium europäisch?
- 33:37 Dr. Caroline von Kretschmann
Also die nächste große Herausforderung ist im Moment tatsächlich noch, dass wir das ein bisschen weitertragen, was wir formuliert haben, weil ich merke, es gibt ein großes Bedürfnis nach Orientierung und nach Möglichkeiten, wie man in dieser sehr turbulenten, also diese sogenannte VUCA-Welt mit einer hohen Volatilität, hoher Unsicherheit, hohe Komplexität, hohe Dynamik, wie man da gut durchkommt. Und ich glaube, die Welt, auf die wir zusteuern, braucht Haltung. Und deswegen ist das nächste große Ziel wirklich, da noch mal einen Schritt in eine größere Öffentlichkeit zu machen und das auch noch mal im Unternehmen stärker zu implementieren. Also es reicht eben nicht, wenn nur meine Mutter und ich und mein Vater oder 5 weitere Abteilungsleiter, Bereichsleiter das so leben, sondern es muss sozusagen im gesamten Haus gelebt werden. Und das erfordert einfach, immer wieder darüber zu reden, immer wieder auch Menschen auf diesem Weg mitzunehmen und sie davon zu begeistern, diesen Traum gemeinsam zu träumen, diesen Ort zu schaffen, an dem Menschen glückliche Momente haben. Und da glaube ich, wenn wir das noch ein bisschen sowohl im Unternehmen als auch um uns herum weitertreiben, könnten wir noch einen besseren Beitrag leisten. Ja, und ich weiß auch, dass wir die Welt nicht verbessern können. Der eine oder andere denkt auch, das sei naiv, was wir hier machen. Ich glaube, die große Wertschätzung, die wir aktuell auch durch viele Preise bekommen, rechtfertigt ein bisschen unseren Weg, den wir gegangen sind. Aber es wäre uns auch egal, wenn wir oder insbesondere mir auch, wenn wir da so beurteilt werden würden. Aber ich glaube, da ist noch einiges zu tun. Und wenn wir das schaffen würden, da gute Impulse zu setzen, und wir können die Welt nicht verändern, aber wir können jeden Tag einen Beitrag leisten, dass wir in einer Welt leben, in der wir gerne leben wollen. Und das sind die kleinen Schritte meistens.
- 35:29 Ronald M. Arndt
Dann würden Sie auch sagen, ein bisschen rausgezoomt auf Makroebene, ist dieses Thema Orientierung auch das, was die Gesellschaft in Zukunft mehr und mehr braucht oder jeder einzelne Mensch.
- 35:39 Dr. Caroline von Kretschmann
Oder wir müssen einfach den Tendenzen, die es in der Gesellschaft ja auch gibt, zunehmende Spaltung, zunehmende Abwertung auch der anderen Meinung, immer weniger Möglichkeit, in Dialog zu treten, immer stärkere Extrempositionen, dass man dem einfach versucht, was entgegenzusetzen. Und je mehr das tun, desto besser ist es. Und das ist einfach unser Traum noch, der unabhängig vom Europäischen Hof eben noch auch existiert.
- 36:07 Ronald M. Arndt
Sie haben es gerade erwähnt, Sie sammeln Preise und allein dieses Jahr mit die wichtigsten Preise gewonnen in der Branche. Da freue ich mich für Sie, aber ich freue mich noch viel mehr, dass diese Preise Ihnen weiterhelfen, Ihre Überzeugung in die Welt hinauszutragen. Das sind einfach Kanäle, die dazukommen, starke Kanäle, und die hier ihr Tun am Europ in Gesprächen mit ihrem engsten Umfeld und mit ihren Mitarbeitern einfach nochmal verstärkt.
- 36:39 Dr. Caroline von Kretschmann
Ja, da sind wir auch unglaublich dankbar drüber. Und ich sage auch immer, ich habe die Preise immer nur entgegengenommen, weil diese Preise sind immer nur als Team zu gewinnen. Und es ist unglaublich, was hier geleistet wird, und zwar nicht von mir, sondern von jedem Einzelnen. Und ja, es gibt uns die Möglichkeit, mehr darüber zu sprechen, was wir machen, und das ist wunderbar.
- 37:01 Ronald M. Arndt
Jetzt würde mich schon noch zum Abschluss interessieren, wer uns hier im Nacken sitzt.
- 37:05 Dr. Caroline von Kretschmann
Ich glaube, das sind irgendwelche Vorfahren meines Vaters. Und das ist der, der Vater meines Vaters kam aus Preußen, und das Hotel kommt aber aus sozusagen der großen mütterlichen, großväterlichen Seite. Und die eine Tochter meiner Urgroßeltern hat einen Herrn von Kretschmann geheiratet, und der kam aus Preußen, und da gab es irgendwelche Schlösser, und dann irgendwann kamen diese Gemälde hier rein in den Europäischen Hof. Also wenn Sie da in der Hotellobby noch sind, da gibt es auch ein paar pfälzische Kurfürsten und Kurfürstinnen und auch ein paar englische Adlige, die hier rumhängen.
- 37:43 Ronald M. Arndt
Vielleicht finde ich noch jemanden mit Ähnlichkeit.
- 37:45 Dr. Caroline von Kretschmann
Ja, also alle haben die großen Nasen, die habe ich auch.
- 37:52 Ronald M. Arndt
Ja, super. Ich möchte mich von Herzen bedanken.
- 37:55 Dr. Caroline von Kretschmann
Ich bedanke mich für Ihr Interesse und Ihre schönen und auch berührenden Fragen.
- 38:02 Ronald M. Arndt
Dankeschön.
- 38:02 Dr. Caroline von Kretschmann
Dankeschön.
- 38:02 Ronald M. Arndt
Ich arbeite dran.
- 38:03 Dr. Caroline von Kretschmann
Ihnen auch alles Gute. Bis zum nächsten Mal.
- 38:05 Ronald M. Arndt
Bis zum nächsten Mal. Danke.